Autoritarismus und Narzissmus – Eine Begriffsklärung und warum Sie notwendig ist

“Der Narzissmusbegriff gibt uns keinen vorgefertigten Determinismus an die Hand, öffnet aber einen Weg, die psychologischen Auswirkungen der jüngsten gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen” [1]

Wie steht es um die Rückkehr des Autoritarismus? Er sei der “wichtigste Prädiktor rechtsextremer Einstellungen” formulierte es Elmar Brähler, Mitherausgeber der Leipziger Autoritarismus-Studien, bei der Vorstellung derselben auf den Linken Buchtagen 2019 in Berlin. Auch der akademisierte Kritische Theoretiker hat, wie der durchschnittlich begriffsstutzige Linke, die Antwort gefunden. Gefühlt wird jede Woche irgendwo lauthals der autoritäre Rollback verkündet. Ein Sammelbegriff, der den Rückfall in vordemokratische Zeiten bezeichnen will und unter den in munterer Assoziationsmanier Trump, Putin und Erdogan, ebenso wie der “autoritäre Nationalradikalismus” [2] der AfD fallen.

Parallel dazu wird auffällig oft der autoritäre Charakter bemüht, jenes psychoanalytische Modell, welches Erich Fromm und später das Institut für Sozialforschung im Exil entwickelten und nutzten, um die Gesellschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu beschreiben. So hieß es etwa in Die Zeit, nachdem Donald Trump die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hatte: “Im Lichte des heutigen Populismus liest sich Adornos Untersuchung über den ‘autoritären Charakter’ wieder beklemmend aktuell” [3]. Im Deutschlandfunk attestierte z.b. Sieglinde Geisel der AfD den “Wunsch nach Unterwerfung” und behauptet “Mit dem Erstarken der AfD ist dieser Wunsch nach starker Führung in Deutschland wieder auf dem Vormarsch” [4]. Zudem ist sie der Meinung “Ein autoritärer Charakter schlummere in jedem von uns […] Werde dieser erst durch populistische Parolen in großen Teilen der Bevölkerung geweckt, sehe es für die Demokratie schlecht aus.” [5]

Neuer Wein in alten Schläuchen

Nun ist es allerdings so: Das Modell des autoritären Charakters hat einen Zeitkern und der autoritäre Charakter seine Wurzel in einer bestimmten gesellschaftlichen Formation, während eine veränderte Gesellschaft “neue Existenzweisen, neue Sozialisationsweisen und neue Arten der Erfahrungsbewältigung” [6] verlangt. Elmar Brählers Mitstreiter, Oliver Decker, plaudert im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 diesen Umstand aus und bemerkt über die Ausführungen des Instituts für Sozialforschung: “Diese Studien sind fast 90 Jahre alt und beschreiben einen gesellschaftlichen Zustand, den wir so heute nicht mehr vorfinden” [7]. Nichtsdestotrotz studieren seine Kollegen weiterhin den autoritären Charakter, deren Kriterien im Sinne der “gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” erweitert wurden. Doch wäre eine der grundlegendsten Erkenntnisse der Kritischen Theorie, auf die sich die Autoritarismus-Studie wort- und quellenreich bezieht, dass die unhinterfragt inflationäre Anwendung jedes Begriffs diesen notwendigerweise entleert und die Wirklichkeit verfehlt.

In eine Sackgasse muss derjenige geraten, der den autoritären Charakter, trotz des Rückgangs seiner familiären und ökonomischen Bedingungen, unbeirrt auf alle politischen Gegner anwendet: Nicht bloß wird die Kluft zwischen Trumps harmlosen Tweets und Erdogans realer Willkürherrschaft, zwischen Putins Macht und der Machtlosigkeit der AfD mit einem einzigen Zauberwort überwunden, sondern die Theoretiker autoritärer Rollbacks lenken zudem von der Persönlichkeitsstruktur ab, die sie selbst betrifft und die Christopher Lasch in seinem Werk “Das narzisstische Zeitalter” im Jahr 1980 als gesamtgesellschaftlichen Narzissmus identifizierte.

Die Pathologisierung des Narzissten

“Ziel des Lebens ist Selbstverwirklichung. Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen, das ist unsere Bestimmung.” – Lord Henry in ‘Das Bildnis des Dorian Gray’

Es gehört mitunter zum guten Ton, moralische Plattheiten mit psychiatrischem Jargon aufzuputzen. Lasch, der eines der wichtigsten Grundlagenwerke zur Causa Narzissmus hinterlassen hat, spricht in diesem Zusammenhang auch von einem “therapeutischen Zeitalter” und beschreibt die Gemengelage wie folgt:

„Eine theoretische Präzisierung des Narzißmuskonzepts ist nicht nur dringlich, weil der Begriff so leicht moralistisch verwässert wird, sondern vor allem auch deshalb, weil die Gewohnheit, alles Egoistische und Unerfreuliche mit Narzißmus gleichzusetzen, ein Verständnis für historische Besonderheiten erschwert. Die einzelnen Menschen sind immer selbstsüchtig und Gruppen stets ethnozentrisch gewesen; diesen Eigenschaften ein psychiatrisches Etikett anzuheften, bringt überhaupt nichts. Daß Charakterstörungen zum wichtigsten Gebiet der psychiatrischen Pathologie geworden sind und daß sich, wie daran erkennbar, die Persönlichkeitsstruktur gewandelt hat, hängt mit ganz spezifischen Veränderungen in unserer Gesellschaft und Kultur zusammen – mit der Verbürokratisierung, mit dem Überfluß von Eindrücken und Bildern, therapeutischen Ideologien, der Rationalisierung des Innenlebens, dem Konsumkult und, in letzter Instanz, mit Wandlungen des Familienlebens und veränderten Sozialisationsmustern.“ [7]

Therapeutisches Denken ist dabei allerdings nicht der Schlüssel, sondern vielmehr ein Symptom dieser Gesellschaft. Die Suche nach dem Seelenfrieden und der Selbstverwirklichung, der Aufstieg der Experten in allen Lebensbereichen sind nur die Kehrseite der Angst, Depression und vagen Missgestimmtheit, die den Narzissten prägen.

„Die Popularisierung psychotischer Denkweisen, die Verbreitung von ‘neuen Bewußtwerdungsbewegungen’, der Traum vom Ruhm und das gequälte Gefühl des Versagens, welche die Suche nach geistigen Allheilmitteln allesamt noch dringlicher machen, haben eins gemeinsam: eine ungewöhnlich starke Beschäftigung mit dem Ich. Diese Selbstbezogenheit prägt das moralische Klima der zeitgenössischen Gesellschaft. Es geht nicht mehr darum, die Natur zu erobern oder neue, gesellschaftliche Herausforderungen zu suchen, sondern um Selbstverwirklichung.“ [8]

Es ist ein beliebtes Missverständnis, den Narzissmus nur als eine Verhaltensauffälligkeit Einzelner zu verstehen. Die notorischen Besserwisser, affektierten Egozentriker und hyper-sozialen Selbstoptimierer sind zwar anschauliche Beispiele, aber ein Verweilen bei ihnen und das Psychologisieren ausgewählter Exponate verstellt den Blick auf den Rahmen, der sie bedingt: Die narzisstische Gesellschaft, die sich in ihrer Form des ökonomischen Wettbewerbs, dem verlorenen Zeitgefühl, dem Verhältnis der Geschlechter, der verfallenden Lust am Spiel und der Angst vor Tod und Alter ausdrückt. Sie ist im schlechten Sinne emanzipierter, als manch Linker sich einzugestehen bereit wäre, da sich das Prinzip der Unabhängigkeit des Subjekts von äußeren Autoritäten (solchen jedenfalls, die man sich nicht selbst aussucht) in jedem Lebensbereich durchsetzt.

Die Welt als Wille und Start-Up

Jede Gesellschaft ist bestrebt, die “universalen Krisen der Kindheit – das Trauma der Trennung von der Mutter; die Angst, verlassen zu werden; die Qual, mit anderen um die Liebe der Mutter kämpfen zu müssen – auf ihre Weise zu lösen” [9]. Aus diesem Konflikt heraus entsteht eine für die Gesellschaft typische Form der Persönlichkeit. Dass in der postmodernen Gesellschaft zusehends der Autoritätsverlust anstelle der Autorität um sich greift, ist dabei eine der zentralen Erkenntnisse. Das hat ökonomische Ursachen. Kaum jemand kann heute noch einen Lebenslauf vorweisen, deren Arbeitgeberanzahl mit einer Hand abzuzählen wäre. Weil das Prinzip der Lohnarbeit das Schrumpfen gesellschaftlich notwendiger Arbeit überlebte, bewährt sich in der längst nicht mehr puritanischen Arbeitswelt der beste Schein, zusammengesetzt aus Anerkennung, Soft Skills und Kommunikationstalent, um im Bewerben um die wenigen verbliebenen lukrativen Stellen nicht ins Hintertreffen zu geraten. Lasch entzifferte die “Transformation des Erfolgsmythos”, die aus dem zweckrationalen Leistungsstrebenden, der im Rahmen seiner Tätigkeit wenigstens noch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden konnte, eine gänzlich irrational-archaische Ich-AG machte. Indem der Industriekapitalismus klare Grenzen zwischen Management und Arbeitern absteckte, die auch noch die Anfänge der Angestellten-Ära überdauerten, manifestierte sich die Autorität des Chefs, die zu Hause durch den Vater verdoppelt wurde. In der “Ära der Unternehmensmobilität” [10] hingegen bewährt sich am besten, wer sich im Rahmen der Hierarchien, die äußerlich durch Distanzlosigkeit und freundschaftliche Gesten überspielt werden, möglichst antiautoritär gibt.

Das Familienmodell der bürgerlichen Gesellschaft, auf das sich noch Erich Fromm bezog, existiert nicht mehr. Erziehung findet nicht mehr mehrheitlich im Elternhaus statt. Die durch Massenmedien vermittelte Populär- und Konsumkultur ist hier vielmehr ebenso entscheidend, wie es Schulen und Vereine sind. Dass heute auch die Schule selbst an Einfluss verliert, ist der nächste logische Schritt, nachdem die Eltern entmachtet sind. Die Instruktionen vorangegangener Generationen werden in toto als rückwärtsgewandter Paternalismus abgelehnt: Wenn die konstruktivistische Pädagogik den Klassenraum als “Lernraum” zu sprengen gewillt ist, wären die Schulstreiks um Greta Thunberg folgerichtig nicht die Verweigerung des Unterrichts, sondern dessen moderne, dem autonomen, kreativen Lernen verpflichtete Neuinterpretation. Der Konformismus tritt hinzu, wenn Schüler gemeinsam mit ihren linken und grünen Eltern und ihren Lehrern, die schon berufsbedingt immerfort über “ökologische Fußabdrücke” und Nachhaltigkeit sprechen, auf die Straße gehen. Bei populären Akteuren wie Luise Neubauer mischt sich noch ein zutiefst instrumentelles Verhältnis zum eigenen Anliegen bei, das vermutlich bei veränderten Karriereanforderungen ebenso schnell wechseln würde.

Die für Fromm so wichtige autoritäre Vaterfigur, die als Spiegelbild der autoritären Gesellschaft in der Familie auftritt und das kompromisslose Über-Ich in der Persönlichkeit des Kindes aufbaut, weicht einem resignierenden Vater, der Passivität und Abhängigkeit bereits im arbeitsteiligen Prozess seines Betriebes erlernt. Wenn sich die Generationen allerdings sowieso einig sind und – im Falle einer Meinungsverschiedenheit – eher die rückwärtsgewandten Eltern statt der aufmüpfigen Kinder mit Strafen zu rechnen haben, dann bildet sich notwendigerweise ein grenzenloser Charakter aus, der keine Diskussionen und keinen Gegenpol, letztlich keine Einschränkung seiner Omnipotenz kennt. Was oberflächlich wie ein potentiell revolutionäres Selbstverständnis erscheint, das sich die Vorschriften der Eltern nicht länger gefallen lässt, ist in Wahrheit Infantilität, die die Entsagungen vor den Grenzen des Realitätsprinzips von der Kindheit bis zur Adoleszenz überspringt und die klassen- und herrschaftsfreie Gesellschaft nicht einmal theoretisch anstrebt: “Die Psyche des Autoritären war in einem bestimmten Sinne noch revolutionär. Im modernen Narziß, der weder von Schuldangst noch von heftiger Wunschvereitelung gequält wird, lehnt sich nichts mehr auf” [11].

Das verkümmerte und eingezwängte Ich, welches durch das repressive Über-Ich entsteht und sinnbildlich für den autoritären Charakter steht, bekommt in seiner schlechten Aufhebung (Böckelmann) eine neue Form. Es ist diffus, grenzenlos und fließend. Da es keine Autorität kennt, kennt es auch keinen inneren Konflikt, den es gezwungenermaßen führen muss. Die neue Erziehungsinstanzen, die als Orientierungshorizont des Ich-Ideal [12] dienen, seien sie nun Sportstars und Popsternchen, sind dabei ebenso austauschbar, wie in der späteren Entwicklung die jeweiligen Moden, Subkulturen, Wohnorte oder Freundeskreise.

Die Identifikation mit ihnen bleibt oberflächlich und die Enttäuschung vorprogrammiert. Nur führt die Enttäuschung für Narzissten nicht zu einem Konflikt. Zu groß ist das Angebot und zu einfach der Austausch des Identifikationsobjekts. Eben deshalb lässt sich der Begriff des autoritären Charakters für diese Persönlichkeitsstruktur nicht halten: weder werden die schnelllebigen Identifikationsobjekte kollektiv angenommen – im Gegenteil bleibt die einzige Konstante das vereinzelte Subjekt – noch wird ein dauerhaftes Über-Ich sichtbar. Dieser “außen-geleitete Charakter” [13], dem es konträr zum innen-geleiteten Charakter nicht um die einfache Aufgabenerfüllung, sondern um deren Wirkung auf Arbeitsumfeld und Öffentlichkeit geht, zeichnet sich durch “Affektstumpfheit, Lernhemmung, Rücksichtlosigkeit, Unwilligkeit, schließlich auch kleine Triebaufschübe zu ertragen” sowie ein daraus resultierendes “unplastisches, zielloses Verhalten” [14] aus. Er ist gefangen in einem permanenten “Sucht-Frustrations-Kreislauf” [15].

Dass mit dem Homo psychologicus das “Endprodukt des bürgerlichen Individualismus”  [16] erreicht ist, der die autoritäre Persönlichkeit als Prototyp des ökonomischen Entscheidungsträgers ablöst [17], gibt zwar keine Hoffnung auf bessere Zeiten, aber es sei ein Beleg dafür, dass es mit den Analysen der landläufigen Populismusforscher, die überall nur autoritäre Charaktere sehen wollen, nicht weit her ist. Ihnen zu misstrauen und sich stattdessen an die Aufgabe zu machen ernsthaft zu begreifen, was die Bedingungen des Elends sind, wäre dagegen der notwendig einzuschlagende Weg.

Tobias Karvaly und Juri Tonal für En Arrêt! Berlin (EAB) im Mai 2019

[1] C. Lasch: Das Zeitalter des Narzissmus (München 1980), S.41.

[2] W. Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Signatur der Bedrohung 1 (Berlin 2018), S. 14.

[3] G. von Randow: Theodor W. Adorno. Der Trick mit der Gefühlsbefreiung. In: Die Zeit (05.12.2016). https://www.zeit.de/2016/48/theodor-w-adorno-faschismus-autoritarismus.

[4] S. Geisel: Autoritäres Denken und die AFD. Der Wunsch nach Unterwerfung. In: Deutschlandfunk Kultur (08.10.2018). https://www.deutschlandfunkkultur.de/autoritaeres-denken-und-die-afd-der-wunsch-nach-unterwerfung.976.de.html?dram%3Aarticle_id=429960.

[5] S. Geisel: Das Autoritäre in uns. Der geheime Wunsch nach starker Führung. In: Deutschlandfunk Kultur (29.11.2018). https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-autoritaere-in-uns-der-geheime-wunsch-nach-starker.1005.de.html?dram:article_id=434444.

[6] Lasch 1980, S. 74.

[7] O. Decker, Flucht ins Autoritäre, In: Leipziger Autoritarismus-Studie 2018, S. 39. https://www.boell.de/sites/default/files/leipziger_autoritarismus-studie_2018_-_flucht_ins_autoritaere_.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie.

[7] Lasch 1980, S. 29.

[8] Lasch 1980, S. 23.

[9] Lasch 1980, S. 30.

[10] Lasch 1980, S. 89.

[11] F. Böckelmann: Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit (Freiburg 1987), S. 74.

[12] Böckelmann 1987, S. 20.

[13] Böckelmann 1987, S. 32-33.

[14] A. Mitscherlich zitiert nach: Böckelmann 1987, S.50.

[15] Böckelmann 1987, S. 51.

[16] Lasch 1980, S. 6.

[17] Als Ausnahme sei hier insbesondere der islamisch geprägte Sozialcharakter genannt, auf den Fethi Benslama in seinen Büchern “Psychoanalyse des Islam” und “Der Übermuslim” eingeht.

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