Kein Gewinn ohne Diversity

Identitäres Empowerment hat in der Arbeitswelt Tradition: vor 15 Jahren bereits stellte Ikea, nachdem es auch Filialen am Golf errichtet hatte, zur Dienstkleidung passende und die Imame zufriedenstellende Kopftücher für seine Angestellten bereit [1]. 

Heute gehören politische Statements großer Konzerne zum guten Ton: „Say yes to Europe“ las jeder Lufthansa-Fluggast vor der Europawahl; Thyssenkrupp, Volkswagen, Telekom und viele weitere Unternehmen verlautbarten Ähnliches. Immerhin gehe es darum, „die uns verbindenden Werte und wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen“ [2]. Flankiert wurde dieses Bekenntnis zur EU zwei Tage nach der Wahl, am 28. Mai, vom alljährlichen Deutschen Diversity-Tag. 13 Jahre ist die “Charta für Diversity” mittlerweile alt, ihre Botschaft, die bereits 3100 Unternehmen unterschrieben haben, nah am Zahn der Zeit: Ziel ist es, “eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der sich Menschen egal welcher Herkunft, Religion, welchen Geschlechts, Alters oder welcher sexuellen Orientierung offen und respektvoll begegnen” [3]. Aletta Gräfin von Hardenberg, Geschäftsführerin der Charta, weiß um deren Vorteile: “Unternehmen und Institutionen [sind] erfolgreicher und besser […], wenn Sie [sic!] Vielfalt als Organisationskultur leben, ihre internen Prozesse überprüfen und vielfältige Teams einsetzen” [4]. 

Fortwährend versucht die Diversity-Strategie der Erkenntnis, dass der Kapitalismus hinsichtlich seiner uneingeschränkten Verwertung blind für Herkunft und Geschlecht ist, oberflächlich zu widersprechen: Lohnarbeit wird zur Arbeit am multi-identitären Zusammenleben und das Bewerbungsverfahren zum Toleranztest. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen gleichermaßen vergessen, dass es nach wie vor um Arbeitskraft geht. „Die Gesellschaft ist heute so vielfältig und bunt wie nie. Das ist ein Kapital, das Unternehmen nutzen müssen“ [3], sagt Stephan Dirschl, Pressesprecher der Initiative, und ruft für jeden, der es vergaß, die nach wie vor geltende Ineinssetzung von Mensch und Kapital ins Gedächtnis. Hinter der freundlichen Fassade der postmodernen Unternehmenskultur tritt letztlich hervor, dass die trotz Alledem Abgehängten auf keine undemokratischen Fehler im System, die nun offiziell überwunden sind, sondern ihr persönliches Versagen schließen müssen.

Vollends problematisch ist die Diversity-Dimension Religion. In Frankfurt trägt sie bereits Früchte: ”Für die Kliniken und die Schwesternschaft sei die Philosophie der Rotkreuz-Kliniken, jeden Patienten als Menschen zu sehen, unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht – auch für die Mitarbeiter sei das selbstverständlich. […] Für Camphausen und die Klinkleitung [sic!] ist die Einführung des Kopftuches als Teil der Dienstkleidung ein Statement für die Diversität des Krankenhauses. Ihm gehe es darum, hinter den Mitarbeiterinnen zu stehen und die Diskussion über Kopftücher aufzugreifen und durch ein klares Bekenntnis zu entschleunigen” [5]. Zur tautologischen Formel, dass alle Menschen nunmal Menschen sind und als solche “gesehen” werden müssen, will die Bereitstellung des islamischen Kopftuchs, das per definitionem die Möglichkeit zur “Unabhängigkeit von Religion” – insbesondere in der Außenwahrnehmung – sabotiert, nicht so recht passen. Ob EU-Wahl oder Diversity-Tag: politisches Engagement großer wie kleiner Unternehmen ist Teil des Tagesgeschäfts. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass kulturelle Unterwerfung und freie Marktwirtschaft harmonisieren und, da die Linke erstere und Liberale letztere Zutat akzeptieren, Kritik an dieser Harmonie weitestgehend ausbleibt.

(TK)

[1] H. Rössler: Das Accessoire des Islam. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (25.04.2006). https://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/mode/kopftuchmode-das-accessoire-des-islam-1331653.html.

[2] C. Dierig u.A.: Warum die deutsche Wirtschaft so laut für Europa trommelt. In: Die Welt (09.05.2019). https://www.welt.de/wirtschaft/article193247095/Europawahl-Deutsche-Unternehmen-und-Verbaende-werben-fuer-Europa.html

[3] C. Heller: Warum Unternehmen auf Vielfalt setzen. In: Augsburger Allgemeine (30.05.2019). https://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Warum-Unternehmen-auf-Vielfalt-setzen-id54458806.html.

[4] M. Orth: “Das Kapital der heutigen Wirtschaft”. In: Deutschland.de (11.03.2019). https://www.deutschland.de/de/topic/wirtschaft/diversity-deutsche-unternehmen-setzen-auf-vielfalt.

[5] R. Rübsamen: Kopftücher sind hier Arbeitskleidung. In: Merkurist (11.02.2017). https://merkurist.de/frankfurt/rotkreuz-kliniken-kopftuecher-sind-hier-arbeitskleidung_F87.

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