Berliner Zustände: Nur noch kurz die Welt retten

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Für alle die gehofften haben, dass mit dem Verriss der letzten Aktion des Zentrums für politische Schönheit erstmal Ruhe wäre mit moralisch überhöhten Aktivismus vom Typus grün-kreativ, der wird leider wieder enttäuscht. Berlin-Mitte als Zentrum von Naivität und Tatendrang hat ein neues Projekt in den Startlöchern.

Unfuck the World“, „die Utopie kann Wirklichkeit werden“, „Wir werden das Unmögliche möglich gemacht haben“ [1] – diese sprachlichen Zeugnisse des klimabedingten Größenwahns einiger Berliner Start Upler sind Nebenprodukte einer Kampagne, die nicht weniger wahnwitzig von sich behauptet: „Wir retten die Welt“, „schreib mit uns Geschichte“. Und das mit der „größten Bürger*innenversammlung Deutschlands im Olympiastadion“, wo der dazu passende – und historisch nur unwesentlich fragwürdigen – Slogan „feel the history – see the vision“ die Bierbecher ziert, die bei einem Festival natürlich nicht fehlen dürfen. Aber Halt, von dem Begriff „Bürger*innenversammlung“ wurde sich ohnehin bereits distanziert, es gehe vielmehr um Menschen, die versammelt werden sollen [2]. Die Abkehr vom im abstrakten Status des Bürgers angelegten Bild des mündigen, alle Rechten und Pflichten innerhalb eines politischen Gemeinwesens innehabenden Individuums, ist aber auch nur konsequent von jenen, die sich in infantilen „ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“-Ausbrüchen Gehör verschaffen zu suchen. Zeichnete das zu rettende, kritische Individuum einmal aus, was Leo Löwenthal mit „Mitmachen wollte ich nie“ umschrieb, geht es den heutigen Apologeten der selbstoptimierten Mitmachdemokratie darum, den Einzelnen auch noch den letzten Rest an widerständiger Subjektivität im Dienste der ehrbaren moralischen Sache auszutreiben und aus Menschen Deutsche zu machen.

Doch worum geht es genau? Am 6. Januar 2020 endet die zweite Frist für das Fundraising zum Demokratie-Festival, welches am 12. Juni 2020 im Olympiastadion Berlin stattfinden soll. Inspiriert von Fridays For Future wird die Eventplanung und die dazugehörige Kampagne von ewig Junggebliebenen, hippen Unternehmern der Kondomfirma „Einhorn“ vorangetrieben, die sonst mit infantilen Comicdesigns ihre Verhütungs- und Hygieneprodukte bewerben – ganz fair, nachhaltig und vegan natürlich. Ihr „Oooohlympiaaaahh-Paket“ mit 70 Kondomen und einem „sexy Stickerbogen“ [3] bietet so gleich und nur konsequent das Must-Have für die orgiastische Selbstbeweihräucherung für das Klima, ohne dieses mit Nachwuchs noch weiter zu belasten.

Die Idee hinter dem Großereignis formuliert der Einhorn-Unternehmer Philip Siefer wie folgt: „Ich glaube, unsere Demokratie braucht im Moment ein bisschen Eventisierung und Power, damit wir wieder merken, was es alles für wahnsinnig tolle Mittel gibt in diesem geilen System“ [4]. Mit diesen „wahnsinnig tollen Mitteln“ meint er, was auch am 12. Juni im Olympiastadion geschehen soll: „die renommiertesten Expert*innen aus allen Bereichen zusammen[kommen zu lassen], um die Lösungen für die drängendsten Probleme unserer Zeit gebündelt zu präsentieren. […] [D]iese Lösungen können mit Hilfe von Petitionen und der nötigen Anzahl Unterzeichner*innen vor Ort direkt in den Bundestag eingebracht werden“ [5]. Das kollektive Unterschreiben von Petitionen gehört zum zweiten Programmteil, welcher „ganz im Zeichen der Aktivierung“ stehe, um „allen Teilnehmer*innen das Gefühl zu geben, dass sie auch als Einzelpersonen Veränderungen bewirken können und diesen Eindruck in ihr persönliches Umfeld, ihre Stadt, ihre Initiative mitnehmen und sich dort weiter engagieren. […] Wir wollen der gefühlten Ohnmacht entgegentreten und den dieser Tage scheinbar übermächtigen Krisen Lösungen entgegenstellen“ [6]. Die Beschreibung des Projektes, die nicht von ungefähr nach Projektmanagement und empowernden Berufspädagogen klingt, die jedem noch so hoffnungslosen Fall ein „Du schaffst das“ mit auf den Weg geben, zeugt außerdem von einem überraschend unbeschränkten Glauben an die direkte Demokratie, wie sie sich in Petitionen niederschlägt. Dem scheint die naiv-wutbürgerliche Ansicht, dass Petitionen legislativ umgesetzt werden, wenn nur genügend Leute ihren Namen darunter setzen, zu Grunde zu liegen.

Die Frage, wie grundlegende Veränderungen von einer solch nicht nur systemimmanenten, sondern systemaffirmierenden Warte aus möglich sein sollen – und zwar für die Themen Klimawandel, Rechtsruck und globale Ungerechtigkeit – liefern die Organisatoren zum Glück aber gleich mit: Dabei sein. Denn: „Wir werden danach mit dem Guten Gefühl nach Hause gehen, einen weiteren Schritt in Richtung Veränderung unternommen zu haben“, schließlich steht der gesamte erste Teil unter dem Zeichen von „Inspiration“ und „emotionaler Aufladung“ [7].

Wer derart unverhohlen seinem mehr selbst- als klimagerechten Aktivismus frönt und dennoch fast 30.000 Menschen zum Spenden für eine Selbstvergewisserungsparty gigantischen Ausmaßes mobilisieren kann, bei der sich bildungsbürgerliche Wahlgroßstädter moralisch überbieten wollen, hält der Klimabewegung in ihrem hysterischen Aktionismus den Spiegel vor – leider ohne, dass diese es merkt. Wenn der Mitorganisator Waldemar Zeiler behauptet: „Wir stehen mit der Welt am Scheideweg […]. Deswegen komme ich mir als Unternehmer komisch vor, business as usual zu machen und an Umsatz zu denken, wenn ich meine Verantwortung, meine Zeit und mein Privileg vor allem dafür nutzen kann, etwas beizutragen“ [8], hat er nur noch nicht begriffen – oder will nicht zugeben –, dass Klimaretten selbst zum Geschäftsmodell und Karrieresprungbrett geworden ist. Daher werden die notorischen Weltverbesserer es, geschäftig und mit gutem Gewissen, wie sie sind, wohl weiter mit Tim Bendzko halten: „Muss nur noch kurz die Welt retten | Danach flieg‘ ich zu dir | Noch 148 Mails checken | Wer weiß was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel“.

Nantje Petersen für en arrêt! Berlin (EAB) im Januar 2020

Nachweise

[1] 12/06/2020 Olympia. (2019) https://www.startnext.com/12062020.

[2] 12/06/2020 Olympia: Eine Replik (2019) https://medium.com/@12062020olympia/eine-replik-e83975295f92.

[3] Einhorn: Oooohlympiaaaaahhh-Paket. https://einhorn.my/shop/kondome/ooooooohlympiaaaaaahhh-paket/.

[4] Deutschlandfunk Kultur: Philip Siefer (22.11.2019) https://www.facebook.com/DLFKultur/photos/a.459362520742028/2837611036250486/?type=3&theater.

[5] 12/06/2020 Olympia.

[6] Ebd. 

[7] Ebd.

[8] A. Eube: Wird das die größte Bürger*innenversammlung Deutschlands? In: Die Welt (22.11.2019) https://www.welt.de/icon/partnerschaft/article203706104/Was-ist-12062020olympia-Ein-Initiator-ueber-die-riesige-Buergerversammlung.html.

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