Berliner Zustände: Wie bei Trumps unterm Sofa

Die Eintönigkeit und Ideenlosigkeit der antiamerikanischen Kulturszene in Deutschland deutet auf ein tiefsitzendes Ressentiment. Es sind dieselben wiederkehrenden Bilder, die immergleichen Statements und teilweise wortgleichen Aussagen, die das meist bildungsbürgerliche Publikum weder langweilen noch empören. Statt das Eintrittsgeld zurückzufordern wird brav applaudiert. Willkommen im Berliner Kunstbetrieb. Wenn die neueste Aufführung im Berliner Ensemble also als ein “Debüt nach Maß” [1] beschrieben wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um Schrott handelt. Sprechen wir also über das Ressentiment.

In Ubu Rex, das seit dem 13. Februar 2020 im Berliner Ensemble zu sehen ist, versucht sich Stef Lernous an einer Neufassung des Klassikers von Alfred Jarry, der 1896 einen gefräßigen, ordinären König inszenierte. Dieser geht auch über Leichen, um Macht und Einfluss zu gewinnen. Jarrys Original ist eine Herrschaftskritik, wenn man so will, die 1896 für einen echten Skandal sorgte, als die Uraufführung wegen Tumulten unterbrochen wurde. Der Autor der 2020er-Neufassung will dieses Stück ins Heute übersetzen. 

Es sei “[e]in ehrgeiziger Abend”, schreibt eine Autorin der Berliner Zeitung [2]. Vorgenommen hat sich der Regisseur ein Stück über Donald Trump und den Verfall der Werte in Zeiten des Fernsehens. Zumindest mutet es so an: “Auf der Bühne sieht es aus wie bei Trumps unterm Sofa”, schreibt die Berliner Zeitung. Zwischen Chipstüten, heruntergekommenen Möbeln und Reality-TV thront Pa Ubu, der im Original von Alfred Jarry König Ubu ist. Es folgt diese Szene: “‘Gott hat die Welt nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott ist rund. Ich bin rund’, und Pa schaut stolz an seinem Fettwanst hinunter über das gelb versiffte Hemd und die Schlabberkurzhose hinweg. ‘Also bin ich Gott!’” [3] Da bleibt kein Auge trocken. Es ist das Bild der ungebildeten Unterschicht mit ihren fettleibigen Körpern und verschmutzter Kleidung, eine Symbolik der – natürlich selbstverschuldeten – Verkommenheit. Man könnte in ihr die Kehrseite der Kapitalgesellschaft erkennen, aber um die geht es nicht. Die Unterschicht mag man hier ohnehin nicht und zum Glück wohnt die jetzt in Amerika.

Die Bedeutung, die in der Darstellung der Körper liegt, ist für das Publikum ein im Unterbewusstsein wirkendes, aber gleichwohl wirksames Zeichensystem. Es wurde über Jahrzehnte medial kultiviert. Zu seiner Entschlüsselung lohnt sich ein Blick in die Studie “Zwischen Pommesbude und Muskelbank” von Britta Steinwachs, die sich mit der medialen Inszenierung der “Unterschicht” beschäftigt. Dort bezeichnet sie den Körper als “Zeichenträger, der durch verschiedenste Ausdrucksformen (z.B. Sprache, Bewegung, Geschmackspräferenzen) vermittelt, welche Position Menschen im sozialen Gefüge einnehmen”. Sie spricht in diesem Sinne vom “zentralen Ort der Vergesellschaftung”, in dem z.b. die “Körperdimension zum Austragungsort sozialer Deutungskämpfe wird” [4]. In dieser Studie untersucht sie diese Wahrnehmung von Körpern anhand von Reality-TV Formaten, an die die Inszenierung Ubu Rex auffällig erinnert, und kommt dort zu dem Schluss, dass nicht nur die Klassenidentität durch die Körper vermittelt, sondern auch der Umgang mit der Unterschicht trainiert und erlernt wird [5]. So können die Protagonisten aus ihren fast immer selbstverschuldeten Lebenslagen nur durch externe, meist staatliche Hilfe, befreit werden[6]. Kurz gesagt: König Ubu braucht die Super Nanny.  

Nachdem sich das Publikum an dieser Darstellung genug ergötzt hat, kommt der Wendepunkt: Der Fernseher fällt aus und der Protagonist mutiert zum Diktator. Er will Tsunamis  bombardieren, leugnet den Klimawandel, mag keine Flüchtlinge und drischt AfD-Parolen. “Eben absurdes Theater”, kommentiert es der RBB [7] zustimmend, eine “Übertreibung”, aber Donald Trump soll sie angemessen karikieren. Ehrlicher wäre es, von einer Wiederholung zu sprechen. Denn neu ist daran wahrlich nichts. Und so sinniert dann auch das Journalistenherz: “Es ist ja auch wirklich nicht leicht, aus dem einst so grotesk scheinenden Machtmonster Ubu, dessen animalischer Hunger einziger Kompass und die pure Dreistigkeit Prinzip ist, in Zeiten von Donald Trumps getwitterter Gefühlspolitik noch eine halbwegs wirkende Bühnenfigur zu machen. Wir reiben uns tagtäglich ja sowieso schon die Augen über all die Ubuesquen − nicht im Theater, sondern auf den Chefsesseln und Machtpositionen dieser Welt.” [8] Vor lauter Augenreiberei schon ganz weich im Kopf, erfreut man sich der Wiederholung des Immergleichen. Stephen Greenblatt machte Trump zu Richard III., das Public Theater zu Julius Caesar und der Spiegel zu King Kong. [9] [10] Nun also auch noch Ubu.

Zur Abstraktion überhaupt nicht mehr fähig muss man jedes Stück „ins Heute“ übertragen, muss der Zuschauer mit Chipstüten und Reality-TV in seinem gegenwärtigen Erfahrungshorizont “abgeholt” werden. An die Stelle des fiktiven König Ubu wird die erlernte Karikatur des Donald Trump gesetzt, damit das Stück reibungslos mit der eigenen Realität zusammen fällt. Stücke, die längst vergangene Epochen mit ebenso historischen Charakteren beinhalten, traut man dem Publikum nicht mehr zu. Auch, weil man die politische Botschaft immer mit dem Brecheisen präsentieren muss, damit es keine Missverständnisse und Widersprüche in der Kunst mehr gibt.

Beendet wird die Inszenierung mit einem “Endzeit-Blues”. Ein Sing-Sang, der das Ende der Welt durch die Hände der kulturlosen Diktatoren beschwört. Das Licht geht an. Was für eine Scheiße. In den Worten Ubus hieße dies übrigens “Schoiße”. Ein Ausdruck seiner geistigen und sprachlichen Beschränkung.

Antiamerikanismus für Bildungsbürger

Der Philosoph Ludwig Marcuse stellt bereits 1953 fest, Antiamerikanismus fände man “kaum bei Straßenbahnschaffnern, Friseuren, Dienstmädchen und Chaffeuren – reichlich hingegen bei Journalisten, Professoren und Theaterleuten” [11]. 

Dass man ihn dieser Tage in erster Gruppe “kaum” findet, darf wohl bezweifelt werden. Absolut richtig ist dagegen, dass er auch heute in der Gruppe der Akademiker, Kunstschaffenden und Dreigroschenjungen (Karl Kraus) überdurchschnittlich verbreitet ist. 

Warum das so ist, erklärt Dan Diner, der Marcuses Aussage in seinem Klassiker “Feindbild Amerka – Über die Beständigkeit eines Ressentiment” wie folgt sekundiert: “Dort, wo die mit Amerika in Verbindung gebrachte demokratische Perspektive Rang und Status bedrohe, mache sich Antiamerikanismus breit. […] Den Armen und Verarmten anerbot sich Amerika immer wieder als ein Land der Verheißung” [12]. Außerdem schreibt Diner im selben Buch: “Für die Mentalität des Antiamerikanismus typisch ist die Klage über den durch die Vereinigten Staaten verursachten und allerorts erfolgten Niedergang gewachsener und bewährter Werte und Traditionen” [13]. Diese Beobachtung gibt einen Hinweis darauf, warum der Antiamerikanismus in der Amtszeit von Donald Trump derart virulent geworden ist und sich dabei auffällig oft mit abfälligen Beschreibungen von Trumps Aussehen, seines Sprachgebrauchs und sogar seiner Essgewohnheiten vermischt.

Die Ironie und gleichzeitig die versteckte Symbolik der ursprünglichen Figur des König Ubu besteht darin, dass Alfred Jarry sich in seinen späten Jahren immer mehr mit der Figur Ubu identifizierte. Er wurde Ubu. Wenn die Botschaft des Stückes also lautet “Haltet euch fern von Amerika. Werdet nicht wie Amerikaner”, dann drückt sich darin die Funktion dessen aus, was Dan Diner als Alter Ego Europas beschreibt [14]. Amerika als dunkle Seite einer zwiespältigen Moderne, als Projektionsfläche von Selbsthass. Es ist eine  europäische Kränkung, die viel über den Patienten und gar nichts über sein Objekt verrät. Eine Kränkung, die historisch nicht zuletzt in den Einwanderungswellen in die USA wie “Jahresringe europäischer Krisen” [15] ablesbar ist.

Auch Donald Trump steht für eine solche Kränkung. Ein amerikanischer Präsident, der einfach nicht in das Weltbild der deutschen Europäer passen will und der ihren Rang und Status nicht nur ideologisch im Sinne der gelebten Alternativlosigkeit, sondern bekanntlich auch ganz praktisch, wie z.B. in den Auseinandersetzungen über Handel und Zölle mit China, Iran oder Russland, bedroht. Und genau darum wehren sie sich mit stählernem Gelächter über fettleibige Ubuesquen in Schlabberkurzhose. Was die USA unter Trump für sie repräsentieren, ist die Negation des deutsch-europäischen Mainstreams. Ein Mainstream, der sich in der Theaterwelt durch den immergleichen Schund auszeichnet.

Juri Tonal für en arrêt! Berlin (EAB) im Februar 2020

Nachweise: 

[1] RBB: Derb-komisches Spektakel: Ubu Rex im Berliner Ensemble. In: RBB Inforadio (14.02.2020).

https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/kultur/202002/14/ubu-rex-berliner-ensemble.html.

[2] D. Meierhenrich: Theatergiftzwerge im Schatten des echten Trump. In: Berliner Zeitung (14.02.2020). https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/rex-ubu-berliner-ensemble-theatergiftzwerge-im-schatten-des-echten-trump-li.76106.

[3] Ebd. 

[4] B. Steinwachs: Zwischen Pommesbude und Muskelbank. Münster 2015, S. 14.

[5] Ebd., S. 10. 

[6] Ebd., S. 104. 

[7] RBB 2020.

[8] Meierhenrich 2020.

[9] C. Haas: Donald Trump allias Macbeth? Zu Stephen Greenblatts neuem Shakespeare-Buch (2019). https://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2019/04/03/claude-haas-donald-trump-alias-macbeth-zu-stephen-greenblatts-neuem-shakespeare-buch/?fbclid=IwAR09dRMWv5Zji74i585ax1B3d_Hkr1kFtdGZwwEYt6fn9uMZSa0PWXAIYvg (03.04.2019). 

[10] P. Marx: Trump, Theater, Tyrannenmord. In: Taz (20.07.2017.) https://taz.de/Der-US-Praesident-als-Julius-Caesar/!5430933/?goMobile2=1581120000000

[11] L. Marcuse: Der europäische Anti-Amerikanismus. In: Neue Schweizer Rundschau Band 21 1953, S.70

[12] D. Diner: Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments. München 2002, S. 37.

[13] Ebd., S. 25. 

[14] Ebd., S. 17. 

[15] Ebd., S. 18.

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