Deutschlands Literaturkritik Vernichten 

am

Houellebecq gegen seine Freunde und Feinde verteidigt 

Auf einen Roman von Michel Houellebecq reagiert das deutsche Feuilleton inzwischen mit polizeilichem Interesse. Man schlägt ihn auf, um nach Provokationen zu fahnden. So auch im Falle seines neuesten Werks. Vernichten reflektiert, wie schon seine Vorgänger, die schwindenden Möglichkeiten, in Zeiten aufgesprengter Konventionen und totaler Verwaltung menschliche Nähe selbst in ihren Schwundstufen herzustellen. Dafür aber ist die Kritik blind durch die allseitig ventilierte Empörung über unflätige Ausdrücke, expliziten Sex und angebliche Menschenverachtung. Unzweifelhaft äußert sich in dieser Moralisierung der Kunst ein latenter Hass auf sie, den manche Journalisten offenbar dadurch zu verdecken versuchen, dass sie die Provokation dem Autor als einzigen Anlass seines Schreibens in die Schuhe schieben wollen. Aber selbst die wohlwollenden Rezensenten verraten noch ihr insgeheimes Misstrauen gegen die Kunst, die sie nur als Beipackzettel der Wirklichkeit lesen und von dieser damit nicht freigeben wollen. Ein kursorischer Blick in einige Rezensionen zeigt das. Es lohnt sich, das Befindlichkeitstheater nur als Anlass zur Polemik zu nehmen – und es anschließend zu verlassen. Denn dann wird der Blick frei auf ein grandioses Werk und einen keineswegs provokanten, sondern sanften und trauernden Erzähler. Michel Houellebecq hat ein außergewöhnlich zärtliches Buch geschrieben. 

Der Roman handelt von Paul Raison, der einen hohen Beamtenposten im französischen Wirtschaftsministerium bekleidet. Sein Leben ist vollkommen auf den Beruf ausgerichtet. Houellebecq, der schon in Die Möglichkeit einer Insel sprechende Namen einführte, lässt die lexikalischen Bedeutungen der raison als Grund, Begründung, Vernunft oder Verstand die Persönlichkeit seines Protagonisten reflektieren. Für Paul liegen die Verlockungen des Lebens, das sich gewöhnlich nach Feierabend im privaten Alltag abspielt, in weiter Ferne; er hatte sich „immer mehr oder weniger frei von den verschiedenen Leidenschaften gefühlt“. [1] Seine Frau Prudence hingegen, mit der er nichts mehr teilt als eine Wohnung mit getrennten Schlafzimmern, scheint, folgt man der Substitutionslogik der sprechenden Namen, auf Vorsicht, Umsicht, Bedachtsamkeit verwiesen zu sein. Aber Houellebecq betreibt keine literarischen Rätselspielchen, sondern zeigt später, dass die Figuren sich von den zugewiesenen Namen emanzipieren können. So sehr jeder auf fremde Bestimmungen festgelegt ist, bestehen doch noch Möglichkeiten, sich von diesen wieder zu lösen. Wollte man Houellebecq Altersmilde unterstellen, wie es in jeder zweiten Rezension mit entlarvender Erleichterung geschehen ist, müsste man sie ihm an dieser Stelle vorwerfen. 

Mit dem Schlaganfall seines Vater beginnt das eigentlich eingestellte Familienleben für Paul wieder Bestandteil des Alltags zu werden. Das hat zunächst organisatorischen Charakter: Man kommt zusammen in Situationen des Ausnahmefalls, weil man das so macht und weil es obendrein Angelegenheiten zu regeln gibt. Aber allmählich findet auch wieder eine Annäherung zwischen Paul und seinen Geschwistern statt. Sie ist gleichwohl nur deswegen möglich, weil alle weltanschaulichen Animositäten, alle Eigenheiten des Charakters nicht geltungsbedürftig gegenüber dem Anderen zur Schau gestellt werden. Dass die Schwester Cécile überzeugte Christin ist, Paul aber keineswegs, wird nicht zum unüberbrückbaren Hindernis. Zwischen den ideologischen Prägungen der Menschen scheint es Momente geben zu können, in denen man die eigene Persönlichkeit nicht in völliger Abhängigkeit an den Gang der Welt gekettet hat. Das ist kein Verständigungskitsch, sondern gerade das Gegenteil von Awareness als der Nivellierung eigener Bekenntnisse: Man muss sich nicht gleich machen, um sich auf gleicher Höhe begegnen zu können. Ohne die Familie als vermeintlich unpolitischen Ort der belanglosen Alltäglichkeiten zu verharmlosen, scheint Paul doch genau zu wissen, wann es klug ist, nur zu denken, wie unausstehlich man die Ideologie des Gegenübers findet, statt dies direkt zum Tischthema zu machen. Die unzähligen Tweets Linksliberaler vor jedem Weihnachtsfest, die die Leserschaft mit den passenden Argumenten gegen den reaktionären Onkel ausstatten, lassen solche Distanznahmen nicht mehr zu. Verdächtig ist für sie schon, wer sich nicht empört.

Die letzte Seite der Konkret

Das Werk entwickelt hier Themen des Gesellschaftsromans, die die Elemente des politischen Thrillers, wie sie zu Beginn eingeführt werden, zusehends zur Nebenhandlung erklären. Es gibt, ist offenbar die Geste, wichtigeres als Politik, die ohnehin zum Medientheater verkommen ist, wie in einer satirischen Episode über Trauerbekundungen durch diverse Staatsvertreter bedeutet wird. Was machen also die deutschen Rezensenten mit solchen Stellen? Denis Scheck, der Literaturmufti des deutschen Bürgertums, empfiehlt den Roman dank dieser Episoden als irgendwie besseres Sachbuch. Er sei etwas für all jene, die „gerne provokante und gesellschaftskritische Romane lesen.” [2] So stellen Spießbürger sich Gesellschaftskritik vor: Zurücklehnen im Ohrensessel und über Sätze gackern, die man selbst sich nicht zu sagen traut. Man mag einwenden, dass Scheck ohnehin nie etwas anderes war als ein Touristenführer auf dem literarischen Trödelmarkt, der einem sagt, wo man einkaufen gehen soll. Aber die Trivialisierung von Houellebecqs Werken zu schlichten Thesenromanen ist exemplarisch. 

Dementsprechend fragt auch das Handelsblatt: „Wo bleibt die Provokation, Michel Houellebecq?” [3] – um anschließend eine breite Liste an angeblich verhandelten Themen zu präsentieren und doch die eigentlichen dabei auszulassen. Davon abgesehen ist die Rezension unter aller Kritik. Aber auch der Jungle World fällt zum Roman nicht viel ein. [4] Um die Zeilen zu füllen, muss zunächst rekapituliert werden, was sowieso schon jeder weiß, außer offenbar die Leser von linken Tageszeitungen: Dass es sich nämlich um einen kontroversen Schriftsteller handle und die Reaktionen auf sein neuestes Buch „vorhersehbar“ gewesen seien. Auch dieser Rezensent scheint Literatur vor allem als Abklatsch von Wirklichkeit zu verstehen, denn er hat außer ein paar schmalen Einsichten wie jene, dass es einen „Houellebecq-Effekt“ gebe, der sich auch hier einstelle, nur eine ausgedehnte Inhaltsangabe nebst Verweisen auf die französische Politik zu bieten. Das ganze wird dürftig zusammengehalten von einer Lichtschalter-Metapher, die schon dort nicht gut aufgehoben war, von wo der Autor sie sich leiht, nämlich Jürgen Habermas. Houellebecq sieht auch nicht „die ratio als Feindin des Lebens“, wie es hier vulgär vereinfachend heißt, sondern betont, dass raison allein kein einigermaßen glückliches Leben bedeuten kann, sondern es auch prudence bedarf –  raison avec prudence, die Vernunft mit Umsicht, das ist im Roman eine ganz buchstäbliche Bedingung für das Gelingen menschlicher Zuneigung. 

Die zweitschlimmste Rezension ist in der konkret zu finden, die unter vielen Beobachtern und Lesern immer noch als antideutsches” Blatt gilt. Deren Autor Kay Sokolowsky führt zunächst in die eigene Vorgehensweise ein: „Eine ziemlich gute Methode, um den literarischen Wert eines Romans zu ermitteln, funktioniert so: Man schlage das Werk an beliebiger Stelle auf, setze den Finger irgendwo auf die Seite, lese den Satz, der darunter liegt, und wiederhole die Probe zweimal”. [5] Wer ernsthaft meint, mit solcher Zeigefingerhermeneutik auf die Konstruktion eines Kunstwerks reflektieren zu können, dem muss man vielleicht die Banalität doch noch einmal vorhalten, dass ein Werk mehr ist als seine bloße Buchstäblichkeit. Sonst würde es sich nicht um Kunst handeln und die ästhetische Theorie hätte seit dem 18. Jahrhundert nicht so erbittert um eine Bestimmung ihres Gegenstands streiten müssen. Aber auch hier gilt, dass der Kunst selbst, nicht allein diesem besonderen Werk misstraut wird. Weil man die Kunst nur als schlichte Wiederholung von dem, was ist, wahrzunehmen in der Lage ist, begegnet man ihr so, wie man auch dem Bestehenden begegnet, nämlich ohnmächtig und ohne jede Möglichkeit, dessen Totalität zu erfassen. Aber Kunst reflektiert in seiner eigenen Ganzheit die der Gesellschaft nicht identisch, sondern gebrochen. Sie ist gebunden an ihre dingliche Existenz und ist doch nicht ganz dinglich, denn sonst wäre sie nur ein Ding unter vielen. Ihre spezifische Konstruktion ist Resultat eines Formprinzips, das die in ihr vermittelten Materialien zu einer Ganzheit fügt: „Es ist nicht bloß der spiritus, der Hauch, der die Kunstwerke zum Phänomen beseelt, sondern ebenso die Kraft oder das Innere der Werke, die Kraft ihrer Objektivation; an dieser hat er nicht weniger teil als an der ihr konträren Phänomenalität. Der Geist der Kunstwerke ist ihre immanente Vermittlung.“ [6] Kunst unterwirft seine Gegenstände und formt sie zum Objekt; darin gleicht ihr Prinzip dem Prozess fortschreitender Beherrschung, gegen den sie polemisch Stellung bezieht, in dem sie etwas beherrscht, dass es doch nicht gibt und das den Begriffen sich entzieht. Auf die Weise bleibt in ihr das Versprechen lebendig, es könne und müsse etwas geben, das noch nicht ist. Ein solches Versprechen haben Linke begraben. Und so ist es kein Wunder, dass in der Rezension nicht nur einzelne Sätze, sondern gleich einzelne Wörter ihres Kontextes enthoben werden, um eine Sinnlosigkeit zu entlarven, die eigentlich der Methode geschuldet ist. 

Dass Rezensent Sokolowsky dem französischen Schriftsteller schon misstraut hatte, bevor er die erste Seite von Vernichten gelesen hat, kann sich schon denken, wer einen Blick in seine eigene Werkbiographie wirft.  Seit dem 11. September 2001 wirkt der Islam so gruselig wie noch nie” – so beginnt der Klappentext von Sokolowskys Buch Feindbild Moslem, das 2009 erschienen ist. [7] Fast möchte man Sokolowsky zustimmen: der Islam wirkt so gruselig wie noch nie, weil er so gruselig wie noch nie ist. Doch natürlich meint es Sokolowsky genau umgekehrt: die rassistische Hetze unter dem Deckmantel des Antiislamismus” produziere erst die gruselige Wirkung. Auf die Frage, ob die Islamfeindschaft und der historische Antisemitismus vergleichbar sind, antwortet er in einem Interview: „Ja. Die Muster und die Themen der Hetze gleichen sich bis aufs Haar”. [8] Um beweisen zu können, dass man auch damals einer von den Guten gewesen wäre, müssen neue Juden ernannt werden, deren Partei man gegen neue Faschisten wie Houellebecq verteidigen kann. 

Nachdem also Sokolowsky die ganze Wortklauberei hinter sich gelassen hat, äußert er den eigentlichen Anstoß seines Missfallens: „Pauls Vater symbolisiert die Babyboomer, die Frankreich nach dem Krieg wieder auf die Beine brachten, nun jedoch sprach- und wehrlos von Islamisierung, Globalisierung und allgemeiner Entsittlichung überrollt werden. Pauls Schwester Cécile und sein Schwager Hervé stellen die unbeugsamen Gallier aus der Provinz dar, die das Herz am rechten Fleck haben und deshalb Le Pens Rassemblement National unterstützen. Es ist die Mär vom Untergang des christlichen Abendlandes, die Houellebecq hier abermals aufwärmt, weil er mit solchem Schmonzes berühmt wurde Außerdem verbreite Houellebecq erneut “kalkulierte Menschenverachtung und echte Misogynie”. [9] Es ist vergebene Mühe, Sokolowsky erstens zu erklären, wie Literatur im Gegensatz zu politischen Pamphleten wie seinem funktioniert und dass es einen Unterschied zwischen Werk, Autor und Protagonisten gibt, zweitens, dass es in Vernichten nicht um Islamisierung geht und drittens, dass man sich nicht mit der Wirklichkeit verbündet, wenn man sie zu beschreiben versucht. Wichtig zu bemerken ist anhand der Rezension in der Konkret hingegen folgendes: Linke Kritiker verzeihen Houellebecq bis heute nicht sein Buch Unterwerfung, weil es ihnen ihre eigene ehemalige Melodie des Laizismus vorgespielt hat, die sie längst verlernt haben. Doch das bereits auf verstimmten Saiten: auch Unterwerfung war kein Thesenroman. Houellebecq macht es dem Leser nicht so einfach, wie der Linke sich seine Feindbestimmung. Auch Antideutsche sind wenig besser, die Houellebecq mögen, weil sie der Auffassung sind, der habe mal etwas Vernünftiges gegen den Islam gesagt. Wer Romane als politische Stichwortgeber gebrauchen will, soll Milo Rau lesen. 

Dass es immer noch ein wenig schlimmer geht, beweist die Zeitung für linke Debatte & Praxis – Analyse und Kritik, die dafür bekannt ist, immerzu den kleinsten gemeinsamen Nenner der Linken abzudrucken. Die Verfasserin Nelli Tügel schafft es, über den Diskurs um Houellebecq viel und über “Vernichten” selbst nichts auszusagen. Die kurze Denunziation eine „Rezension” zu taufen, verfehlt ihre schmähende Absicht, die sich auch für eine Polemik zu gedankenarm und zu betont echauffiert ausnimmt: Das Bedürfnis, sich die verwirrende Welt auf die einfachste, also die konservative, Weise erklären und sich zugleich reaktionäre Bedürfnisse befriedigen zu lassen (in Feuilletonsprache werden Misogynie, Rassismus und schlichte Einfallslosigkeit so zu »Provokation«)  […] More of the same, immer und immer wieder die gleiche öde Mischung aus Männlichkeitskrise, essentialistischem Menschenbild und Reaktion, ohne jede Originalität oder doppelten Boden” [10] – Nachweise für die angebliche Misogynie und den angeblichen Rassismus bleibt Tügel schuldig, die Schlagwörter haben sich eingespielt; nicht einmal für entkontextualisierte Zeigefingerübungen im Stile Sokolowskys reicht es hier. Die Autorin hätte den Roman nicht lesen müssen, denn Bezug auf ihn nimmt sie ohnehin nicht. Wer den doppelten Boden aus dem eigenen Denken gestrichen hat, kann ihn natürlich auch in Kunstwerken nicht erkennen.

Es ist diese Entwicklung Richtung Poetry Slam in jeder Kunstgattung, die keine Figuren mit unklaren Sympathie-/Antipathie-Markierungen seitens des Autors mehr zulässt. Während die Grenzen zwischen Sachbuch und Roman so sehr verschwimmen, dass es eigentlich schon egal ist, ob man abgedruckte Blog-Beiträge, Zeitungskolumnen oder fiktionale Kurzgeschichten liest, gleichen Biennale und Berlinale teilweise studentisch organisierten Proseminaren. Houellebecqs Beschreibung der Provinz muss deshalb von Sokolowsky und Tügel, da sie nicht wie bei Didier Eribon als großer Bruch mit dem Landleben gefeiert wird, als Affirmation gewertet werden. Endlich passt wieder die Sachbuch-Welt des “Feindbilds Moslem”. 

Lebendig bleiben

In der Provinz, in der sein Vater nun das zurückgezogene Leben eines von der Mehrheitsgesellschaft für erledigt Erklärten verbringt, beginnt für Paul eine subtile Abkehr von den Zwängen des durch das Aufgehen im Beruf rationalisierten Alltags. Es ist der Ort, wo jener Teil der Bevölkerung lebt, den das kosmopolitische und digitale Bürgertum als Ballungsraum der Reaktion verachtet, und dessen geteilte Abscheu sie sich auch von linker Seite sicher sein kann. Für Paul wird die Rückkehr in die Umgebung seiner Kindheit hingegen zum Austragungsort einer lebensbestimmenden Erfahrung. Die neu entfachte Liebe zu Prudence fällt in die Zeit seiner eigenen Krankheit, die alles zur Disposition stellt. Erst als die Erfahrung des Glücks unmittelbar mit der des Leidens zusammenfällt, werden die Begriffe von Glück und Leid konkret: Sie sind aufeinander untrennbar verwiesen. Abstrakt dagegen war noch „das irreale und heftige Glück der Kindheit“ [11], das schließlich für die Einsicht in kreatürliche Vergänglichkeit und der damit verbundenen eschatologischen Hoffnungslosigkeit preisgegeben werden musste. Die skandalöse Endlichkeit des Daseins, die zugleich seine Bedingung ist, ist die Ursache allen Leids: „Die Welt erschien ihm mit einem Mal begrenzt und zugleich traurig, geradezu unendlich traurig.“ [12] Glück und Leiden bedingen sich gegenseitig so wie die Liebe und der Kummer. Das ist die strikte Antinomie des Lebens. Houellebecq hatte das bereits in seinem frühen poetologischen Essay Lebendig bleiben formuliert: „Die Welt ist entfaltetes Leid. An ihrem Ursprung steht ein Knoten aus Leid. Alle Existenz ist eine Ausdehnung und ein Zermalmen. Alle Dinge leiden, bis sie sind. Das Nichts erbebt vor Schmerz, bis es das Sein erlangt: in einer furchtbaren Krise.“ [13]

Ausflüchte sind möglich, aber unbefriedigend. So hat sich Pauls Schwester Cécile ihr kindlich ungetrübtes Glück auf gewisse Weise bewahrt, denn sie ist selbst Mutter geworden und hat „ihre Seele in die Hände des Herrn gelegt“, folglich „musste, er musste sich Céline [sic!] einfach als glücklich vorstellen.“ [14] Aber dafür ist Paul, der durch seine Kinderlosigkeit und seinen Atheismus in doppelter Weise von der Verlängerung seiner leiblichen Existenz abgeschnitten ist, allzu pragmatisch. Er gleicht darin den anderen Protagonisten in Houellebecqs Romanen, die diese Haltung transzendentaler Obdachlosigkeit teilen und damit auf ein Grundmotiv verweisen, das auf die westlichen Gesellschaften verallgemeinert wird. In Vernichten firmiert es öfter unter dem Begriff der Dekadenz. Die Mitglieder der westlichen Gesellschaften suchen deswegen Zuflucht in der Kampfzone der nach dem Prinzip der Ökonomie liberalisierten Sexualität oder in der Unterwerfung unter neue ideologische Angebote. Denn „die liberale Doxa ignorierte weiterhin beharrlich das Problem, erfüllt von ihrem ebenso unbedingten wie naiven Glauben, das Lockmittel des Profits könne jeden anderen menschlichen Ansporn ersetzen und allein die für die Aufrechterhaltung einer komplexen sozialen Organisation erforderliche geistige Energie hervorbringen. Das war ganz eindeutig falsch, und für Paul schien es klar zu sein, dass das ganze System in einem gewaltigen Kollaps zusammenbrechen würde, ohne dass sich zum jetzigen Zeitpunkt das Datum oder die genauen Umstände vorhersagen ließen – doch dieses Datum konnte nah und die Umstände konnten gewaltsam sein.“ [15]

Paul hingegen nimmt Zuflucht zur Liebe – zu seiner Frau und zur Literatur. Konsequenter als in seinen anderen Romanen schenkt Houellebecq seinem Protagonisten in Vernichten die Möglichkeit, tief empfundenes Glück zu erleben. Es sind Augenblicke nicht entfremdeter Erfahrung, in die die Ökonomie nicht restlos vorgedrungen ist, in denen solches Glück aufscheint: „Wenn sein Vater Erektionen haben konnte, wenn er lesen und die sich im Wind wiegenden Blätter betrachten konnte, dann, dachte Paul, fehlte es ihm im Leben an rein gar nichts.“ [16] Zuvor hatte sich zwischen beiden eine stille Übereinkunft eingestellt, denn: „Innerhalb weniger Minuten hatte er sich in die gleiche Betrachtung der Zweige und der sich im Wind wiegenden Blätter vertieft. Im Grunde genommen verlangte er nicht viel mehr vom Leben; er war vollauf zufrieden, und als Madeleine ihn zwei Stunden später zum Abendessen rief, bemerkte er, dass er sich in der Zwischenzeit ebenso wenig wie sein Vater auch nur einen Zentimeter bewegt oder auch nur ein Wort geredet hatte.“ [17] Die gemeinsame Haltung der beiden verweigert jede Produktivität, in ihr erlischt für zwei Stunden das Gebrechen des Gelähmten, und die Betrachtung der Blätter registriert die Natur als Objekt der Anschauung, nicht der unmittelbaren Bedrohung. Es ist eine der zärtlichsten Stellen im ganzen Buch und eine der zärtlichsten, die in den letzten Jahren geschrieben worden sind. Der Erzähler protestiert hier, wie an zahlreichen anderen Stellen im Roman, gegen die Herabsetzung des menschlichen Lebens zur nutzlosen, überflüssigen Last, sobald die Kriterien seiner zweckgebundenen Verwertung nicht mehr erfüllt sind. Der Einzelne, immer schon vom Allgemeinen verwaltet, trägt nichts mehr zur allgemeinen Verwaltung der Anderen bei und wird dadurch für überflüssig erklärt. Mit allen Kreaturen in diesem Roman, denen eine solche Behandlung durch die Gesellschaft droht, solidarisiert sich der Erzähler. Die Kehrseite dessen, so heißt es an anderer Stelle, ist die moralische Überhöhung des noch jungen Lebens: „Indem wir dem Leben eines Kindes einen höheren Wert beimessen – ohne zu wissen, was aus ihm wird, ob es klug oder dumm, ein Genie, ein Verbrecher oder ein Heiliger werden wird -, leugnen wir den Wert unseres tatsächlichen Handelns.“ [18] Das erschließt der Erzähler als weiteres Symptom des europäischen Nihilismus. Zur allseitigen Machtlosigkeit hat sich die Selbstverleugnung gesellt. 

Und auch mit der Liebe ist es so einfach freilich nicht. Denn die Liebe – nicht nur Pauls zu Prudence, sondern auch die seiner Schwester zu ihrem Mann – ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wird selbst erst vermittelt durch die Triebsteuerung der Warengesellschaft. Während Paul später eindeutige Verbindungen zwischen Prudence und Carrie-Anne Moss als Trinity in Matrix herstellen kann, ist es im Falle seiner Schwester die Herr der Ringe – Trilogie, die eng mit dem Kennenlernen ihres Mannes verknüpft ist. [19] Die zwei Lebensjahre, die zwischen den Geschwistern liegen, spiegeln die Konjunkturen der Popkultur wider. Und so bemerkt Paul beim Betrachten seines in jugendlicher Schwärmerei aufgehängten Matrix-Posters, „dass sämtliche Gefühle, die er als junger Mann empfunden hatte, noch intakt waren, wobei er nicht zu sagen wusste, ob das eine gute Nachricht war.“ [20] Es ist der „der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse” (Marx), der die Biographien der Menschen nach den Gezeiten der Kulturindustrie  formt. Aber das macht, was sie darin auslöste, nicht weniger wahr, wie das Ende des Romans zeigt, in dem die durch Konsum geschaffenen Vermittlungsweisen menschlicher Nähe kurz wieder abgestreift werden können. Zuvor war die langsame Wiederannäherung zwischen Paul und Prudence noch direkt durch diesen begleitet, beispielsweise durch Verweise auf die Bekleidungsmarke „GDOFKH“, deren Produktvorstellung am Anfang zweier Kapitels unter anderem verspricht: „Eigenschaften: 1. Ziehen Sie ihn an und lassen Sie Ihren Partner Sie mehr lieben.“ [21] Nicht mehr an den Waren lassen sich die menschlichen Bestimmungen ablesen, sondern die Waren selbst bemächtigen sich der Menschen wie mit einem Zauberschlag. Und weil Paul die Bekleidungsmarke nicht enttäuschen will, wählt er als „Zwischenstufe vor der Rückkehr” [22] zur Intimität mit Prudence die Dienste einer Prostituierten. Doch keine Entfremdung ohne ihr Gegenteil. Die Binsenweisheit, dass die Kapitalverwertung alle Menschen präformiert, verabsolutiert der Roman nie derart, dass die Figuren keine Möglichkeit zu ungewöhnlichen Handlungen hätten. Nachdem sich nach plötzlicher Wiedererkennung nicht mehr die zwei Charaktermasken des Freiers und der Prostituierten, sondern Paul und seine Nichte gegenüberstehen, trinken sie ohne lange Absprache starken Alkohol, reden und resümieren, dass das Leben „manchmal kompliziert” [23] sei. 

Anhand der Literatur, die Paul liest, lässt sich sein Leidensweg nachvollziehen, wie er auf den letzten Seiten des Buchs beschrieben ist. Dieser Abschnitt ist hinreißend in seiner Schönheit und Traurigkeit. Zunächst ist Paul noch interessiert an Der Fetzen von Philippe Lançon, der mit schweren Verletzungen den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebte und seine Erfahrungen in diesem Buch aufzeichnete. Doch Paul sieht seine eigene zu sehr in Lançons gesundheitlicher Lage gespiegelt. Die Distanz zur Wirklichkeit, die jedes Kunstwerk von sich aus einklagt, ist hier nicht gegeben. Der Protest gegen den andauernden Zwang zur Produktivität fiel ihm mit seinem Vater, als sie die Blätter der Bäume betrachteten, leichter. Nun aber ist auch Paul endgültig angelangt „inmitten der Verurteilten, der Unheilbaren, in einer Gemeinschaft, die niemals eine sein würde, einer stummen Gemeinschaft von Wesen, die sich um einen herum nach und nach auflösten”. [24] Deshalb tauscht Paul das Buch Lançons gegen die Detektivromane von Arthur Conan Doyle: Eskapismus wird hier nicht verstanden als Flucht vor der Wirklichkeit, sondern als nachdrückliche Forderung an die Wirklichkeit, sich zu verändern, endlich menschlich zu werden. Pauls Weigerung bis zuletzt, sich einer Operation mit weitreichenden Folgen zu unterziehen, ist der Angst geschuldet, für ewig in die Gemeinschaft der Unheilbaren aufgenommen zu werden, die mit den Lebendigen nichts mehr verbindet. Gegen die erste Natur kann er nichts ausrichten, doch gegen die zweite Natur, die genauso grausam ist, wehrt er sich wider alle anderslautenden medizinischen Ratschläge. 

Mit tiefer Traurigkeit denkt Paul an den Abschied von seinem Zahnarzt zurück, obwohl beide nie das Arzt-Patienten-Verhältnis verlassen haben, und räsoniert: „Was er nicht ertrug, stellte er besorgt fest, war die Vergänglichkeit an sich; es war die Vorstellung, dass eine Sache, worum auch immer es sich handeln mochte, endet; was er nicht ertragen konnte, war nichts anderes als eine der wesentlichen Bedingungen des Lebens”. [25] Solche Passagen sind die wahre Provokation in Vernichten, die das Feuilleton natürlich nicht als solche erkennt. Sie wollen lieber die „Provokationen” lesen, die sie Houellebecq gewöhnt zu meinen sind – expliziten Sex und Vulgarität – und übersehen, dass das Sujet seiner Romane nie die Lust um ihrer selbst willen, sondern des Glücks willen war.  Man wird den Eindruck nicht los, dass Houellebecqs Romane immer wieder als „verkrampfte Übungen zur Unmoral” (Frank Böckelmann) missverstanden und missbraucht werden, obwohl sie sich gerade gegen diese gesellschaftliche Tendenz wehren. Die Kritik an der Amoralität seiner Werke ist in Wahrheit unverstandene Selbstkritik. 

Nikolaus Bardamo und Tobias Karvaly für En Arrêt! Berlin (EAB) im Februar 2022

[1]
Houellebecq, Michel: Vernichten. Köln 2022. S. 329.
[2]
https://www1.wdr.de/radio/wdr2/themen/lesen-buchtipps/michel-houellebecq-vernichten-100.amp
[3]
https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/literatur/buchkritik-wo-bleibt-die-provokation-michel-houllebecq/27971608.html?ticket=ST-11642898-cMYFyVQwgnaePYhUxcOf-ap5
[4]
​​https://jungle.world/artikel/2022/05/der-untergang-des-kleinen-gluecks
[5]
Sokolowsly, Kay: Michel Houellebecq. Vernichten, in: Konkret (02/22).
[6]
Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main 2019. S. 134.
[7]
Sokolowsky, Kay: Feindbild Moslem, Berlin 2009.
[8]
https://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-kay-sokolowsky-rassismus-im-gewand-der-islamkritik
[9]
Sokolowsky: Vernichten, in: Konkret (02/22).
[10]
https://www.akweb.de/gesellschaft/michel-houellebecq-deutscher-feuilleton-mythos-hellseher-langeweile/
[11]
Houellebecq: Vernichten. S. 82.
[12]
Ebd. S. 518.
[13]
Houellebecq, Michel: Lebendig bleiben. Köln 2006. S. 7.
[14]
Houellebecq: Vernichten. S. 82.
[15]
Ebd. S. 453.
[16]
Ebd. S. 456.

[17]
Ebd. S. 402.
[18]
Ebd. S. 379.
[19]
Vgl. ebd. S. 132.
[20]
Ebd. S. 130.
[21]
Ebd. S. 326.
[22]
Ebd. S. 339.
[23]
Ebd.
[24]
Ebd. S. 555.
[25]
Ebd. S. 439.

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