Introduction: Fernverkehr für Fortgeschrittene

Eine Notbremse ist eine technische Vorrichtung zur Auslösung einer sofortigen Bremsung, um Gefahr abzuwenden. So sind beispielsweise Schienenbahnfahrzeuge, die dem Transport von Personen dienen, oder Aufzugsanlagen mit Notbremseinrichtungen, die von den Fahrgästen betätigt werden können, ausgestattet. Das Betätigen der Notbremse ohne triftigen Grund ist in aller Regel strafbar, da es bei Verkehrsmitteln durch die abrupte Abbremsung zu Gefährdungen anderer Personen und anderer Verkehrsteilnehmer kommen kann und der Betrieb gestört wird.[1]

Das Ende der Geschichte

Im März 2011 kommt es in der syrischen Stadt Darʿā zu einer Demonstration, bei der vier Menschen sterben. Sicherheitskräfte des syrischen Diktators Assad schießen auf Demonstranten, die gegen die Verhaftung von 15 Kindern auf die Straße gehen.
In den darauffolgenden Jahren entwickelt sich einer der fatalsten Konflikte unserer Zeit. Das Nicht-Verhalten des Westens wird dabei Sinnbild einer Veränderung der internationalen Machtverhältnisse. Während die Europäer pausenlos den “Dialog“ suchen, zieht der amerikanische Präsident rote Linien und droht mit Konsequenzen, die nicht umgesetzt werden. Zur gleichen Zeit überlässt man das Handeln den neuen Protagonisten im Nahen Osten: dem Iran, Russland und der Türkei. Die USA ziehen sich zurück. Mit der Hoffnung auf ein Eingreifen der USA schwindet auch die Hoffnung, dass sich in Syrien doch noch eine andere Kraft durchsetzen könnte als die jeweiligen Vasallen der regionalen Mächte, die bald den Konflikt bestimmen. Syrien wird damit zu einem negativen Modellfall einer multilateralen Welt, in der Diktatur und Unfreiheit immer gleichberechtigt mit am Verhandlungstisch sitzen. Etwas hat sich verändert.
Das “Ende der Geschichte”, von dem Francis Fukuyama 1992 noch sprach, ist nicht eingetreten. Der Liberalismus hat weder in Syrien noch in den meisten anderen Regionen der Welt gesiegt. Die Demokratie ist weit davon entfernt, das dominierende, globale Ordnungsmodell zu sein. Der Zug der Geschichte fährt weiter.
Doch die syrische Katastrophe der Gegenwart ist nur ein weiterer Streckenkilometer. Die Weichenstellung hin zum Ende des menschlichen Leidens wurde bereits 1914/18 vom Weltproletariat verfehlt, als die “vaterlandslosen Gesellen” beschlossen, “ihre Pflicht [zu] erfüllen” [2] und in den Krieg zogen. Statt Befreiung und Weltrevolution verkündete man in Deutschland bald mit Posaunenklang [3] “Arbeit macht frei”.Die Geschichte nahm ihren unheilvollen Verlauf.
Fukuyama wiederum musste im Jahr 2008 einräumen, dass alle wirklich großen Fragen doch nicht endgültig geklärt sind. Vielmehr habe die westliche Welt einen Widerpart, der sie mehr bedroht, als ihm das 16 Jahre zuvor bewusst war: den politischen Islam. [4]

Lokführer mit Lernschwäche

Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders, vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.[5]
70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist man sich in Deutschland sicher, auf der richtigen Seite zu stehen. Die Deutschen von heute wissen, dass Rassismus und Antisemitismus ganz abscheulich sind. Begriffen haben sie jedoch weder das eine noch das andere. Rassismus etwa wird, wenn er nicht gerade weiß und männlich ist, mit Vorliebe übergangen und Antisemitismus hört bekanntlich immer dann auf, wenn es um Israel geht.
Die Phrase “aus der Vergangenheit gelernt zu haben“ ist genau deshalb beliebt. Sie wird zum allgegenwärtigen Totschlagargument für die eigene moralische Überlegenheit und zum Zeugnis der Geschichtsvergessenheit par excellence. Nur so kann gleichzeitig “wehret den Anfängen“ und “wir sind mehr“ propagiert werden, während man den Rassismus auf die Ewiggestrigen, bevorzugt in Ostdeutschland, exterritorialisiert. “Das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage des Nationalsozialismus 1945 war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache.“ [6]
Voller Begeisterung wird relativierend und gleichsetzend, wenn nicht intersektional verklärend [7], über Antisemitismus in Deutschland und anderswo ebenso hinweggesehen, wie über seine tiefe Verwurzelung im politischen Islam. Auch der Faschismus regrediert zum Kampfbegriff und wird mit Vorliebe beispielsweise Donald Trump angeheftet. “Alles Faschos außer Mutti”, schrieb Jan Gerber folgerichtig, sei “das heimliche Motto dieser begriffslosen Gleichsetzung”. [8]
Kurzum: Die politischen Kategorien verlieren an Trennschärfe und Gegenstandsbezug. An allen Fronten kämpft die hastig nach ideologischem Halt suchende Bevölkerung mit Phrasen, die wie Spielmarken umhergereicht werden, weil niemand mehr so recht weiß, was sie überhaupt bedeuten. Fortschrittlich ist dementsprechend heute ein Präsident wie Emmanuel Macron, der die Souveränität der Völker statt der Nationalstaaten predigt und den Arbeitsmarkt weiter flexibilisieren möchte. Fortschrittlich ist heute Heiko Maas und sein im Namen der Hate-Speech-Bekämpfung durchgesetztes Zensurgesetz, ein Gesetz, das in den Worten Maxim Billers „in erster Linie das gegenwärtige linksrechte Weltbild der inzwischen so prüden, erzreaktionären Feuilleton-Volksgemeinschaft” [9] bedient. Fortschrittlich ist heute alles, was divers und verschieden anmutet. In Werbekampagnen mit multiethnischem Anspruch gehört der Hijab ebenso zum unverzichtbaren Repertoire, wie in jeder Diskussion über Religionsfreiheit. Mindestens altmodisch und rückwärtsgewandt gilt, wer die Unterwerfung nicht als naturgegebene, kulturell schützenswerte Notwendigkeit akzeptiert.
Wer angesichts der Simultanität immer prekärer werdender Arbeitsverhältnisse und identitätspolitischer Freizeitdauerbeschäftigung von einer Verschmelzung von Kapitalismus und Postmoderne spricht, ist noch zu optimistisch. Beides ergänzt und überschneidet sich nicht nur hervorragend, sondern sorgt zudem dafür, dass sich in der permanenten Berufung auf die eigenen Wurzeln, die phänotypischen Eigenschaften und den kulturellen Hintergrund niemand mehr um das Unrecht schert, das hinter Leiharbeit, unbezahlten Praktika und befristeten Minijobs steht. Dieses Fortschreiten des Fortschritts ist der Rückschritt.
Ob gewollt oder nicht, in einer Sache hatte Fukuyama recht. Die dominierenden Sozialcharaktere unserer Zeit leiden unter einem vollständigen “Verfall des historischen Zeitgefühls”, wie es Christopher Lasch beschreibt. [10] Ihr Verhalten nimmt einen Zustand voraus, der nie eingetreten ist. So sind sie weder in der Lage sich selbst, noch ihren Gegenstand in einen historischen Kontext einzuordnen. Die Geschichte dient ihnen allein als Spielball ihrer selbstbezogenen Weltsicht.
Antiquiert wirkt heute weitestgehend die Anwendung marxistischer Kategorien, obwohl die Kritik der politischen Ökonomie keiner Widerrufung, sondern einer Pointierung bedarf. Dass Antideutsche gut daran taten und tun, ihren kopflosen Missbrauch zu hinterfragen, darf nicht vergessen lassen, dass der Spätkapitalismus nach wie vor kapitalistisch ist. Nur die Linien haben sich verschoben. Völlig zurecht stellte David Schneider in der Bahamas fest, dass “die Linke gegenüber der Unterschicht längst den Regierungsstandpunkt eingenommen hat, von dem aus jeder Einwand gegen den postmodernen Kapitalismus als populistisch und damit tendenziell faschistisch denunziert wird.” [11]
Entsprechend düster sieht es auf der anderen Seite der Barrikaden aus. Nicht nur in Chemnitz und Köthen steigt die Zahl derer, die lieber der AfD als der stets weltoffenen Mitte folgen. Dem neuen Deutschland schwimmen die Felle weg und man ist empört über jeden Prozentpunkt, den die AfD dazugewinnt. Wie sollte es auch anders sein. Zwar bietet die AfD ebenfalls nur einen ideologischen Kitt ohne soziale Grundlage, aber eben einen, der zumindest oberflächlich anschlussfähiger für das Lumpenproletariat und den stets von Abstiegsängsten geplagten deutschen Mittelstand ist. Insbesondere für diejenigen, die vom ehemaligen SPD-Vorsitzenden und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel als “Pack” bezeichnet wurden.
Gesamtgesellschaftlich zeichnet sich ein Sozialcharakter ab, den Horkheimer als einen ohne “echte innere Selbstprüfung” beschrieb und dem der Gedanke “vielleicht bin ich auch selbst schuld” [12] gänzlich unbekannt ist. Es herrscht ein Kampf der Partisanen. Auf ihren Positionen fest verharrend, sind sie von der Überzeugung übermannt, dass die Einschläge immer näherkommen. Weder bei der AfD, noch bei ihren “lauten” und “bunten” besserdeutschen Gegnern, lassen sich Momente der Selbstreflexion über die eigene Verstrickung ins falsche Ganze erkennen. Online sowie in der realen Welt übt man sich in der Bestätigung der eigenen Meinung, um die Gewissheit zu bekommen, auf der “richtigen” Seite zu stehen. Diesen Typus des “konformierenden Asozialen” [13] erlebt man in den sozialen Netzwerken, während in der Realität die Ich-Schwäche durch Zugehörigkeit zum wie auch immer gearteten Racket kompensiert wird.

Gegen die Wand

Angst vor der Katastrophe, vor dem Zusammenbruch des allzu hastig aufgeführten Gebäudes, durch dessen Errichtung sie den eigentlichen Zustand verbauen, treibt sie so zu immer weiterer Aufbauschung ihres Bekenntnisses an, das dann freilich feinen Ohren erschreckend hohl klingt. An Redlichkeit zum mindestens ist diesen Flüchtlingen aus dem Vakuum, in denen sich Echtheit und Unechtheit auf ganz vertrackte Weise mischt, der intellektuelle Desperado weit überlegen. Allerdings, das letzte Wort darf er nicht behalten, da sonst die Welt der Sinnlosigkeit überantwortet wäre. Übrig bleibt wohl nur noch die Haltung des Wartens.“ [14]
Nicht nur das World Wide Web, sondern auch die narzisstische Grundverfasstheit seiner Bewohner hat uns eine Form der Auseinandersetzung beschafft, die bestenfalls als eine Verfallsform von Streitkultur bezeichnet werden kann. In diesem Gangland der Einzelkämpfer ist für politische Theorie und Praxis wenig Platz, weil ein jeder seinem eigenen Spiegelbild hinterherjagt.
Diese Tendenz macht auch vor ideologiekritischen Kreisen keinen Halt. “Verbindlichkeit, Beratung, Aushandlung, Kontinuität” [15], der zivilisierte Gedankenaustausch, ist das Gegengift [16] des “Einzelkämpfertums”. Die cliquenartige, gegenseitige Bestärkung in jedem noch so fragwürdigen Vorhaben bringt hingegen jenen Charaktertypus hervor: den kauzigen Rechthaber. Dessen affektiver Besetzung der eigenen Meinung ist mit vernünftigem Zureden kaum noch beizukommen. Immer öfter geschehen Solidarisierungen und Spaltungen aufgrund von Sympathien und persönlichen Fehden, nicht aufgrund inhaltlicher Zustimmung oder Widerspruch. Dass das Private politisch sei, wusste schon die 68er-Elterngeneration zu behaupten, doch dass Politik aus nichts anderem als persönlichen Befindlichkeiten besteht, ist das Verdienst ihrer Nachfahren.
Die Klugheit, die in der Welt aufgewandt wird, um narzisstischen Unsinn zu verteidigen, reichte wahrscheinlich aus, das Verteidigte zu verändern.“ [17] Wenngleich eine Veränderung der Verhältnisse, so sie denn den großen Umsturz oder das konstruktive Mitgestalten meint, kein primäres Ziel antideutscher Kritik sein kann, so sollte es sehr wohl das Ablösen bloßer Meinungen durch Erkenntnisse sein. Das ist jedoch nur in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand möglich. Praktische Intervention durch antideutsche und ideologiekritische Gruppen kann heute nur heißen, den schlimmsten Verfechtern deutscher Ideologie Steine in den Weg zu legen. Auf dass sie stolpern und nicht wieder aufstehen!
Adornos Diktum, sich weder von der eigenen Ohnmacht noch von der Macht der anderen dumm machen zu lassen, gilt noch immer. “En arrêt“ ist dabei nicht nur unsere Antwort auf Emmanuel Macrons „en marche“, sondern steht außerdem stellvertretend für unsere Gegnerschaft zu einer Bewegungspolitik, die auch in Deutschland begeisterte Anhänger hat. Sie sind diejenigen, die den Zug der Geschichte auf Kurs halten.
“En arrêt” im Sinne von “innehalten” ist zugleich der letztverbliebene Zustand kommunistischer Kritik: “die Haltung des Wartens“. Keinesfalls meint diese Haltung eine Lethargie, wie sie der Kritischen Theorie gerne nachgesagt wird. Vielmehr meint es ein “zögerndes Geöffnetsein“ [18], das sich nicht vom “religiösen Bedürfnis übertölpeln” lässt. Die Notbremse ist die geeignete Metapher der “Angst vor der Katastrophe” zu begegnen, ein Versuch aus dem “intellektuellen Desperado” heraus Praxis zu organisieren, wo sie mehr bewirken könnte als ein gutes Gefühl.

Gruppe En Arrêt! Berlin (EAB) im November 2018

Fußnoten:
[2] F. Stampfer: Sein oder Nichtsein. In: W. Kruse: Krieg und nationale Integration. Eine Neuinterpretation des sozialdemokratischen Burgfriedensschlusses 1914/15 (Essen 1993), S. 240–242.“Wenn die verhängnisvolle Stunde schlägt, dann werden die Arbeiter das Wort einlösen, das von ihren Vertretern für sie abgegeben worden ist. Die ‘vaterlandslosen Gesellen’ werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Patrioten in keiner Weise übertreffen lassen.”
[3] R. Luxemburg: Die Ordnung herrscht in Berlin. In: Die Rote Fahne (14.01.1919), S. 2. “‘Ordnung herrscht in Berlin!‘ Ihr stumpfen Schergen! Eure ‘Ordnung‘ ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‘rasselnd wieder in die Höh‘ richten‘ und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!”
[4] F. Fukuyama: They can only go so far. In: Washington Post (24.08.2008). http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2008/08/22/AR2008082202395.html??noredirect=on.
[5] W. Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: Werke und Nachlaß/ kritische
Gesamtausgabe Bd. 19.1 (Berlin 2010), S. 153.
[6] M. Horkheimer: Wir Nazis. In: Gesammelte Schriften Bd. 6 (Frankfurt a.M. 1991), S. 404.
[7] Siehe hierzu u.a. S. Grigat: Deconstructing Israel. In: Jungle World (16.01.2014). https://jungle.world/artikel/2014/03/deconstructing-israel und A. Dershowitz: ‚Intersectionality‘ is a code word for anti-Semitism. In: Washington Examiner (30.03.2017). https://www.washingtonexaminer.com/alan-dershowitz-intersectionality-is-a-code-word-for-anti-semitism.
[8] J. Gerber: Alles Faschos außer Mutti. In: Jungle World (20.09.2018). https://jungle.world/artikel/2018/38/alles-faschos-ausser-mutti.
[9] M. Biller: Wer ist hier das Arschloch? In: Die Zeit (24.01.2018). https://www.zeit.de/2018/05/polemik-literatur-hate-speech-internet-uebertreibungen/komplettansicht.
[10] C. Lasch: Das Zeitalter des Narzissmus (München 1980), S. 9–11.
[11] D. Schneider: Schluss mit Feierabend. In: Bahamas Nr. 76 (2017), S. 21.
[12] M. Horkheimer: Zur Psychologie des Totalitären. In: Gesammelte Schriften Bd. 8 (Frankfurt a.M. 1985), S. 81.
[13] D. Schneider/ M. Möller: Die Volkspartei des gesunden Menschenverstandes. In: Bahamas Nr. 73 (2016), S. 9.
[14] S. Kracauer: Die Wartenden. In: Das Ornament der Masse (Frankfurt a.M. 2015), S. 116.
[15] No Tears For Krauts: Tschüssi, macht’s gut! Zur Auflösung der ADAB (24.08.2018). https://www.facebook.com/profile.php?id=100008930025922.
[16] “Ein Antidot kann über eine oder mehrere dieser Fähigkeiten verfügen und so die Gefährlichkeit des Zustandes für den betroffenen Organismus verringern oder ganz beseitigen. Antidote können selbst ebenfalls toxisch wirken, so dass ihre prophylaktische Anwendung beschränkt ist.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Antidot.
[17] T. W. Adorno: Meinung Wahn Gesellschaft. In: Gesammelte Schriften Bd. 10.2 (Frankfurt a.M. 2003), S. 576.
[18] S. Kracauer: Die Wartenden. In: Das Ornament der Masse (Frankfurt a.M. 2015), S. 116.